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Geschichte scheint immer Liebesgeschichte zu sein
Das große Böntinterview
von Jörn von Börn
Jörn v. Börn: Herr Bönt, gleich für Ihren ersten Roman haben Sie mehrere Preise erhalten, und...
Bönt: Das stimmt nicht.
Börn: Wieso?
Bönt: Einen Preis, den 3sat-Preis.
Börn: Den haben Sie für Gold bekommen, den zweiten Roman.
Bönt: Gold ist mein erster Roman gewesen, Icks mein zweiter, wenn man von einem allerersten absieht, Der Deal, den ich noch als Copyshopheftchen vervielfältigt und in Auszügen publiziert habe. Icks erschien allerdings auch als erster, wahrscheinlich meinen Sie das. Und während der Arbeit an Icks habe ich auch gemerkt, dass ich zur Literatur komme, wenn nicht sie zu mir.
Börn: Wo waren Sie vorher, wenn nicht bei der Literatur?
Bönt: Ich war vor allem sehr wütend. Ich kam aus der Naturwissenschaft, die einseitige Arbeit hatte mich sehr unausgeglichen gelassen und ich besaß mehr Energie als ich Kraft zur Gestaltung hatte.
Börn: Gold werten sie ab? Das Buch stand auf dem Spielplan des Berliner Ensemble.
Bönt: Wurde aber nicht gespielt. Aber ich werte Gold keineswegs ab, da sind große poetische Qualitäten in der Darstellung der beiden Paare und Berlins im Übergang, die eben vor allem von Theaterleuten geschätzt werden. Narrativ ist Gold aber nicht so stark wie Icks oder was ich heute schreibe.
Börn: Wieso kam das Stück nicht heraus?
Bönt: Peymann hatte offenbar weniger Energie als Gestaltungswillen, jedenfalls diskutierten wir ein dreiviertel Jahr die Dramatisierung, die Finanzierung und die Bühne, die mal klein war und mal die große. Zwischen Weihnachten und Neujahr habe ich dann meine eigene Mitarbeit, auf die ich nie scharf war, abgesagt. Aber das Buch ist sehr aktuell, hier auf der Messe habe ich mit einem Kollegen von Ihnen grad drüber gesprochen.
Börn: Weshalb war dann Gold narrativ nicht so stark?
Bönt: Weil es eben die Prioritäten anderswo hat. Man setzt sich ja nicht hin und ist fertiger Romancier in der einen oder anderen Richtung. Man probiert was aus, zum Glück tut man das. Ich habe bald gemerkt, dass ich dem Erzähler ungefähr so vertraue wie Einstein dem absolutem Raum, habe mich immer für die Rede selbst interessiert. Wir können diskutieren, ob man grundsätzlich mehr über den Erzähler erfährt oder die Erzählten. In Gold habe ich sie vertauscht, und das macht das Buch sicher für die Bühne interessant, zumal die Personen und die Erzähler kaum historisches Bewusstsein haben. Es liegt dann in der Natur der Sache, dass man mehr ausstellt, als erzählt werden kann. Ohne Zeitachse fotografiert man. Für mich selbst war es vermutlich aber auch schlicht so, wie Heiner Müller den Beginn der Schriftstellerarbeit charakterisiert: Ich habe mir erstmal die Wut aus dem Bauch geschrieben. Hat Spaß gemacht.
Börn: Das merkt man. Icks ist aber auch wütend und dazu sehr autobiografisch. Sind Sie da besser an Ihren eigenen Stoff herangekommen?
Bönt: Wieso das denn?
Börn: Was?
Bönt: Autobiografisch. Woher wollen Sie denn das wissen, Sie kennen mich doch gar nicht.
Börn: Ist es nicht autobiografisch? Klären Sie mich auf!
Bönt: Ich werde sicher nicht den Fehler machen, Ihnen zu beweisen, dass es nicht autobiografisch ist, denn Sie legen mir das dann einfach umgekehrt aus.
Börn: Kommen Sie.
Bönt: Es ist erstens autobiografisch, weil Sie es so gelesen haben, und zweitens, weil ich es ja geschrieben, also auch erlebt habe, nicht? Die Frage offenbart aber Ihren Mangel an Phantasie oder Ihre mangelnde Bereitschaft, Ihre Phantasie einzusetzen. Das frappiert mich immer wieder aufs Neue, dass alle nur an Klatsch interessiert sind. Letztens las ich mein Hörspiel "Das weiße Herz" vor. Es gibt eine Szene, wo ein Paar am 1. Januar 2000 morgens bemerkt, dass nur noch ein Ei im Kühlschrank ist. Nach der Lesung lobte man die Szene, wollte aber nicht glauben, dass sie erfunden war. Wessen Phantasielosigkeit ist das? Meine sicher nicht.
Börn: Jetzt haben Sie sich nicht so.
Bönt: Sie sind nicht auf dem richtigen Weg, wenn Sie was aus mir herausbekommen wollen. Frauen sind da klüger.
Börn: Was machen Frauen anders?
Bönt: Sie benutzen das Mitgefühl. Für wen schreiben Sie eigentlich?
Börn: Ich bin frei.
Bönt: Wer kann das schon von sich sagen. Ich beneide Sie.
Börn: Quatsch.
Bönt: Doch. Im Ernst. Sie haben das gerade sehr überzeugend gesagt. Wir sollten die Rollen tauschen.
Börn: Keine Chance.
Bönt: Na, vielleicht ahnen Sie doch, was Schreiben ist? Icks ist jedenfalls gar nicht wütend, sondern sehr traurig.
Börn: Die Eltern von Icks kommen sehr schlecht weg in dem Buch.
Bönt: Finden Sie?
Börn: Ja.
Bönt: Immerhin meinen Sie also, die Eltern kommen überhaupt weg, Icks selbst kommt nicht weg, er muss weiter deutsches Erbe schleppen, ob er will oder nicht. Das schlimme für Icks ist ja nicht, dass er als Westdeutscher durch den Fall der Mauer arbeitslos wird, sondern dass er mit der deutschen Geschichte leben muss: Es ist genauso eine Unmöglichkeit wie unausweichlich, und diesem Fall ist das Wort Dilemma fraglos zu schwach. Es hat auch wenig Komik, ehrlich gesagt, entwickelt aber paradoxerweise eine. Mit seinen Eltern sitzt er in einem Boot, und sie streiten sich um die Platzverteilung: Wer rudert, wer lenkt, wenn der Strom so stark ist, dass weder rudern noch lenken etwas bewirkt?
Börn: Icks klagt seine Eltern wegen ihrer Bigotterie an, dem Egoismus getarnt als Wirtschaftswunder der Nachkriegsgesellschaft.
Bönt: Icks klagt vor allem sich selbst an. Die zwischen Eltern und Sohn in den Gesprächen verhandelten Problemchen um einen kleinen Steuerbetrug oder die korrekte Abrechnung der Nebeneinkünfte eines Arbeitslosen sind ja ausgesprochen lächerlich. Das interessiert niemand. Die Eltern von Icks verstehen aber die Veränderung um sie herum kaum, weil sie nichts als das Wirtschaftswunder haben, um aus ihrem Leben in der Rückschau einen Erfolg zu buchstabieren. Sie sind als Kinder in diesen Käfig gesperrt worden und kommen nicht mehr heraus. Natürlich wollen sie an dieser Lebenslüge festhalten. Icks übrigens gesteht ihnen das zu und nimmt die Schuld und das Scheitern auf sich.
Börn: Klingt heroisch.
Bönt: Aber weil es nicht geht, fühlt er sich eben ganz anders! Und hier schließt sich der Kreis zum Selbstmord von Holtkämper, den es im Gegensatz zur beschriebenen Straßenbahnlinie tatsächlich gegeben hat und der Anlass war, dieses Buch zu schreiben. Man müsste in die Traumatologie einsteigen, hier gibt es Thesen, dass ein Trauma in der übernächsten Generation ausgelebt wird.
Börn: Und so geht es Ihnen?
Bönt: Woher ich nun die Energie für das Buch genommen habe, denn man braucht für einen Roman nach Brecht ein Sitzfleisch, das ist eine ganz andere Geschichte und muss mit dem Thema soviel zu tun haben, wie die Mutter von Lance Armstrong mit Doping.
Börn: Aber es muss doch auch einen harten biografischen Anstoß gegeben haben, um dies Buch zu schreiben. Deuten Sie den hier an?
Bönt: Also, es gab diesen Selbstmord in Bielefeld, das Täteropfer kannte ich nicht. Es handelte sich um Freunde meiner Eltern. Im Roman wird Icks von seinem Bruder angerufen, wie ich tatsächlich einmal angerufen worden bin, obwohl ich keinen Bruder habe. Die Unterstellungen in diesem Telefonat sind von einem konsequenten Zerstörungswillen und ich fragte mich, woher kommt denn der? Ich habe im Roman den Fall durchgespielt, dass das Telefonat seitens des Bruders Berechtigung hat. Ansonsten bin ich schon etwas ausgeglichener als Icks, der niemals einen Roman hätte schreiben können. Kertész sagt, beim Schreiben ist man glücklich. Der Unglückliche kann nicht schreiben. Wäre ich Icks, hätte ich ihn übrigens auch etwas vorteilhafter erscheinen lassen, ungefähr so wie ich wirklich bin. (Lacht.) Meine Arbeit ist doch wie die eines Schauspielers: Kann ich eine Person entwickeln, die mich interessiert? Finde ich Resonanzen in mir, die das zulassen. Wo der Schauspieler Mimik, Gestik und Bewegung hat, habe ich das Wort. Eine faszinierende Arbeit, die mir ein einzigartig reiches Leben ermöglicht, gerade weil ich nicht mein einer Held bin, sondern immer neue Personen entwickle. Was mich aber ärgert, ist dieser Kranz von Autobiografie und Provinzialismus, der schnell entworfen wird und wie ein Trauerkranz aussieht, ein durch und durch deutscher und überaus koketter übrigens. Icks ist ein Buch über den Kalten Krieg, der Verlag schreibt aber drauf, es ginge um Provinzialismus, und wenn Ralf Bönt dann plötzlich von Andrew Wylie in New York vertreten wird, sagen alle, der spinnt doch. So läuft das hier.
Börn: Was ist daran deutsch?
Bönt: Der Selbsthass und die Fähigkeit, alles klein und dumm zu machen, was von einem selbst stammt. Es gibt pompöse Kostümfilme über Napoleon in Moskau, über den Viktorianismus, es gibt Krimis über Päpste. Über Bismarck macht man bestenfalls einen Dokumentarfilm, in dem alles sich wie Lehm anfühlen und nach Kartoffeln riechen muss, voll bockiger politischer Verschrobenheit sein, so wie das Erscheinungsbild von Günter Grass. Und Spielfilme zuhauf über Hitler und Baader, zwei ekelhafte Typen. Nichts über Einstein, nichts über Luther, nichts über 1848, über 1989 viel Klamauk. Passend dazu baut man das Stadtschloss wieder auf. Das ist eine äußerst provinzielle Selbstverliebtheit, mit der ich nichts zu tun haben will.
Börn: Ach so.
Bönt: Reden wir doch mal über Autobiografie in meinen Erzählungen "Berliner Stille". Ich hatte diese in den Neunziger Jahren tatsächlich begonnen als eine Aufgabe: Schreibe Erlebnisse im Verhältnis eins zu eins auf, so wie du sie erlebt hast und sie immer den Freunden beim Kaffee erzählst. Ich wollte ein Buch machen, dass die Realität prüft und den Realismus gleich mit. Die Erzählungen wurden, kaum fertig geschrieben, in Zeitungen und Zeitschriften gedruckt. Aber wenn ich überlegte, ein Buch daraus zu machen, also etwas mit Zeitlosigkeit, dann zerfiel es meiner Meinung nach in belanglose Zufälle. Ich begann, Figuren hinzuzufügen, Dialoge zu dichten, Handlungen zu entwerfen, die glaubwürdiger waren als jene, die ich erlebt hatte. Ich brauchte einen anderen Erzähler hier und da, fiktionalisierte Erfahrung, und siehe da, es wurde ein Buch. Unter den neueren Erzählungen sind mehrere, von denen ich fast gar nichts mehr selbst so oder auch nur ähnlich erlebt habe, zwei sind vollständig erdacht oder aus Dingen konstruiert, die mir erzählt worden sind.
Börn: Wie haben Sie dann die Kritik des Buches erlebt?
Bönt: Das positive freut einen natürlich an sich. Trotzdem hat mich vieles gewundert. Die Personen in "Berliner Stille" finde ich nicht klein, passiv oder unfähig zu kommunizieren. Sie können Dinge geschehen lassen und akzeptieren. Das Buch ist ein Versuch über die Durchlässigkeit in Zeiten voller Stoff. Dabei werden Motive wie das Verhältnis der Berliner Mauer zum World Trade Center als symbolisches Pärchen des Kalten Krieges so aufgeladen, dass ich lange überlegt habe, ob das zuviel ist. Schließlich fiel es kaum nicht auf. Der alte Schulfreund in der Titelgeschichte, glauben Sie's von mir aus nicht, aber er ist frei erfunden, sagt: "Berlin ist ein Ort für Verlierer." Mein Lieblingssatz in dem Buch.
Börn: Sind Sie ein Verlierer?
Bönt: Ach was. Ich kenne verlieren und gewinnen gleich gut. Manchmal neige ich zum einen, dann wieder zum anderen.
Börn: Verstehen Sie sich als politischer Schriftsteller?
Bönt: Ich wüsste nicht, was das ist. Ich bin Schriftsteller und nach langen Umwegen sehr glücklich, meinen Beruf gefunden zu haben. Kunst und Politik sollten sich als komplementär verstehen, zumal in Deutschland. Die Politik ist eh nichts für mich, obwohl ich Mitglied einer Partei bin.
Börn: Weshalb nicht?
Bönt: Ich habe ungern Macht über andere, und ungern, dass andere welche über mich haben. Ich habe auch nicht den Wunsch, die Welt zu verändern, und das ist eine gute Basis, um sie zu erkennen. Der Politiker muss doch Diplomatie und Intrige beherrschen, sich mit halben Sachen zufrieden geben. Ich stelle mich dagegen in den Dienst einer wie auch immer gearteten Wahrheitsfindung, die rücksichtslos sein muss. In der Politik geht es um Interessen, in der Literatur um Prinzipien. Dabei interessiere ich mich, ganz anders als ein Politiker, vor allem für Gefühle und deren Bedingungen. Geschichte scheint doch immer Liebesgeschichte zu sein.
Börn: Sie kamen aus der Theoretischen Physik, haben bei Harald Fritzsch promoviert und unter anderem am CERN in Genf gearbeitet, .
Bönt: Ja, aber das ist nicht interessant. Nicht so interessant wie meine Lehre als Autoschlosser.
Börn: So.
Bönt: Genau.
Börn: Sagen Sie mir trotzdem, wie es war, von der Physik zur Literatur zu kommen?
Bönt: Sehr einfach. Ich habe Modellbau betrieben in der Physik, Theorie am Rande zur Mathematischen Physik, habe versucht unsere letzte Theorie die wir haben, das Standardmodell der Elementarteilchen, schöner und besser zu machen, mit weniger Schrift das gleiche besser und womöglich dabei noch mehr zu sagen. Im Roman ist es nicht wirklich anders. Man versucht komplexe Sachverhalte zu darzustellen, die Grundelemente herauszuarbeiten und darüber besser zu begreifen.
Börn: Aber warum haben sie gewechselt?
Bönt: Weil ich auch mal über Sex reden wollte. Die Physiker negieren alles Körperliche, sie haben überhaupt furchtbare Angst vor dem anderen. Anders gesagt: Die Transzendenz spielt in der Kunst eine andere Rolle als in der Wissenschaft. Deshalb bin ich auch nicht wie ursprünglich geplant Philosoph geworden. Die Philosophen sind immer so traurig, und das vollkommen zu recht. Statt Humor zu haben, versuchen sie, ihn zu erklären und leiden am Scheitern. Die beste Sprachausbildung erhält man in der Physik und bei den Juristen.
Börn: Wieso haben Sie nach dem Abitur eine Lehre gemacht? Weil es schick war?
Bönt: Tischler zu werden war schick, Autoschlosser kein bisschen. Ich wollte was mit den Händen machen und sah die Schule gescheitert, wenn ich mein Motorrad nicht zum Laufen bekam. Sicher gab es damals auch eine gewisse Romantik der Arbeit und die Liebe zum kleinen Mann.
Börn: Heute ist das anders?
Bönt: Ich komme bestenfalls aus dem Mittelfeld der Gesellschaft. Solche Leute glauben noch heute, es käme auf Leistung an, dass sie sich lohnte.
Börn: Worauf kommt es denn an?
Bönt: Auf das Bild, das man von sich entwirft. Der Mensch ist ein hierarchisches Tier.
Börn: Wie steht Ralf Bönt heute zum kleinen Mann?
Bönt: Nach Günter Gaus hat der Schwache das Recht auf Anpassung. Also machen mich die wütend, die heute alles tun, um den Schwachen in der Unmündigkeit zu belassen.
Börn: Wer ist das?
Bönt: Boulevardjournalisten, Zahnärzte, der Papst.
Börn: Noch immer wütend also.
Bönt winkt ab.
Börn: Doch nicht? Unschlüssig?
Bönt: Vor sich selbst kommt es auf Ehrlichkeit an. Schwer genug. Wer hat das noch gesagt, dass Schreiben das tägliche Selbstgericht ist?
Börn: Joseph Conrad. Wieso ist das schwer?
Bönt: Weil Ehrlichkeit weh tut.
Börn: Wem?
Bönt: Allen. Mir kommt es allerdings so vor, als könnte ich nicht anders. Deshalb wohl die Flucht in diesen Beruf, wo man mit den Dingen umgehen und sich Ehrlichkeit nicht nur leisten kann, sondern auch muss.
Börn: Was lesen Sie zurzeit?
Bönt: Giordano Bruno. Und natürlich die Sportberichterstattung der großen Tageszeitungen.
Börn: Wie geht es bei Ihnen weiter?
Bönt: Irgendwie geht es immer weiter.
Börn: Sie verraten nicht, an was Sie arbeiten?
Bönt: Doch. Seit einiger Zeit arbeite ich an einem Roman über Michael Faraday, dem Helden Albert Einsteins: "Celeritas oder Die Entdeckung des Lichts."
Börn: Ach, Sie schreiben jetzt Ihre "Vermessung der Welt"?
Bönt: Nein, meinen "Ruhm".
Börn: Wieso?
Bönt: Weil Figuren aus dem einen Kapitel auch in anderen vorkommen.
Börn: Ach.
Bönt lacht: Aber den Titel habe ich zur einen Hälfte von Nadolny, zur anderen von Mulisch, der Rest ist von Pynchon, Max Brod und Enquist
Der arme Kehlmann aber muss jetzt für alles herhalten, er kann einem schon leid tun. Ich glaube, man sollte ihn einfach mal in Ruhe lassen. Tatsächlich hatte ich mein Exposé fertig, als er noch an seinem Buch schrieb. Wir wussten voneinander nicht, als wir anfingen, und haben sowieso konträre Ausbildungen.
Börn: Also war alles ganz anders.
Bönt: Auf Faraday stieß ich in einem Artikel über seine Krankheit, den der Chemiker Alfred Stock in den 1920er Jahren geschrieben hat. Faradays Werk und sein Leben sind sehr interessant, und ich war schon schwanger mit dem Buch als mir jemand erzählte, John Franklin ...
Börn: ...die Hauptfigur in Sten Nadolnys "Entdeckung der Langsamkeit"...
Bönt: ... und seine Besatzung seien an Bleivergiftung gestorben. Was Nadolny noch nicht wissen konnte. Ich las alles nach und überwand meine letzten Bedenken, sah die Möglichkeiten des Historischen in der Fiktion. Einstein kam auf natürliche Weise als counter character dazu, das ergibt sich aus dem Stoff.
Erstmal hat mir das auch gar nicht gefallen, Fiktion über Einstein, aber dann doch sehr. Sie waren übrigens keine Zeitgenossen. Und um Zeit geht es beim Licht.
Übrigens habe ich einen zu Kehlmann geradezu umgekehrten Begriff vom Genie. Mein Arzt Bodo
Kuklinski aus Rostock hat mir einiges über die Biochemie der Intuition erzählt und
sagte dabei mal: Genie ist immer eine Hirnleistungsstörung, denn sie trainert
die Querverbindungen. Eine faszinierende These, die in meinen Recherchen keine
Widerlegung erfuhr.
Börn: Spannend!
Bönt: Echt? Am Spannendsten ist die Geschichte des Lichts, wie es ein Teilchen
war, eine Welle wird und dann durch Einstein wieder ein Teilchen, obwohl Einstein das gar nicht
möchte. Das ist wie bei jeder Mode eine Kurve, die man Hysterese nennt.
Das Erstaunliche: Es findet hier mitten in der exakten Wissenschaft statt und erzählt deshalb soviel
über den Menschen.
Börn: Vielen Dank für das Gespräch.
Bönt lacht: Dafür nicht, heißt es im Westfälischen.
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